Überlebensstrategie: Das Corps als Marke

Sinkende Mitgliederzahlen, kaum Nachwuchs und der gesellschaftliche Druck führen zu einer kritischen Situation, die das Fortbestehen der Corps infrage stellt. Darüber hinaus wird derzeit keine klare Position bezogen, was und wie sich die Dachverbände inhaltlich ausrichten und öffentlich abgrenzen wollen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Corps in einer Art Identitätskrise stecken. Diese Identität, also eine klare, inhaltliche Position „was ein Corps ist“ muss beantwortet werden. Dazu können die Corps aus der Wirtschaft bzw. aus dem Markenaufbau der Unternehmen lernen. Eine Funktion der unternehmerischen Markenführung ist zum Beispiel den Mitarbeitern eine Art Fixstern des Verhaltens zu geben, welche u.a. die Unternehmenswerte transportiert. Eine zweite Funktion ist die Abgrenzung zu anderen Unternehmen bzw. Marken mit anderen Wertesystemen. Diese zwei Funktionen haben zur Folge, dass einerseits eine klare Identität und letztlich eine Art von Haltungsblaupause entwickelt wird und andererseits eine Relevanz für unterschiedliche Zielgruppen entsteht. Diese Herangehensweise oder Maßnahmen stünden auch den Corps gut zu Gesicht. Den Start bildet dabei die Frage nach dem Markenkern, also der Keimzelle und dem verbindenden Element aller Corps. 

Die Kern-DNA der „Corps“ oder der Markenkern

Eine inhaltliche und identitätsstiftende Ausrichtung ist wichtig, um dem Bedürfnis unterschiedlicher Zielgruppen zu entsprechen. Dabei geht es nicht darum, einem Modetrend zu folgen, sondern vielmehr eine zeitgemäße Interpretation der inhaltlichen Säulen des Corps-Daseins zu finden. Das Wort „Corps“ entscheidet über diese Ausrichtung. Hierbei müssen die Dachverbände eine inhaltliche, konsistente Positionierung verfolgen und eine Übersetzung des Prinzips Corps liefern. Man könnte sagen, dass die Dachverbände eine Art „Dachmarke“ sind, die die Rahmenparameter setzten. Ein gutes Beispiel ist die Neuauflage unseres CORPS-Magazins. Hier werden u. a. auch die ersten Ansätze sichtbar, dass das Corpstudenten-Dasein mehr als nur ein Worthülse ist. Es geht um inhaltliche Fragen und natürlich auch darum, den „Corps“ ein modernes Gesicht zu verleihen. Hier werden u. a. erfolgreicher Corpstudenten vorgestellt, die als Vorbilder fungieren können. Alle Corps brauchen mehr „aktuelle“ Persönlichkeiten, die das „Corpsstudentensein“ verkörpern. Neudeutsch beschreibt man dies als Markenbotschafter oder Testimonials, deren Funktion nach innen und außen wirkt. Nach innen wird der Anspruch der Zugehörigkeit und nach außen eine klare Abgrenzung zum Ausdruck gebracht. Dies ist eine „wortwörtliche“ Verkörperung der Werte und Haltung des Corpsstudententums, die jedoch nicht nur in einer Verbandszeitung stattfinden, sondern viel mehr auch in der Öffentlichkeit wirken sollte. Davon können auch einzelne Corps lernen und für sich eine Art Markenbotschafter ausloben. Aber letztlich müssen alle Mitglieder eines Corps Markenbotschafter sein, auch ohne in einer „Zeitschrift“ stattzufinden. 

Die Corps-DNA muss identitätsstiftend sein 

Die einzelnen Corps müssen sich der Identitätsfindung zuwenden und den DNA-Strang weiterschreiben, der aus der Kern-DNA entstanden ist. Jedes einzelne Corps verfügt über die Möglichkeiten, eine eigene Identität auf- oder auszubauen. Viele Corps denken von sich, dass sie einzigartig seien und es kein besseres Corps gebe, als das eigene. Da hilft ein Blick in die Semesterprogramme der Verbindungen. Wenn man diese nebeneinanderlegt, dann wird deutlich, dass es hier nur wenige bis gar keine Unterschiede gibt. Erstaunlich: Denn gerade „spezielle“ Veranstaltungen wären ein Indiz dafür, dass das Corps auf eine eigene Identität einzahlt oder diese untermauert. Ein in der Vergangenheit identitätsstiftendes Element waren und sind die Kreise und Kartelle. Aber was bedeutet blau, grün, schwarz etc. heute noch. Diese Unterscheidung verschwimmt und auch der Generationenkonflikt einer Interpretation der Kreise verwässert eine klare Ausrichtung und letztlich auch die äußere Wahrnehmung. Hier ist jedes einzelne Corps gefragt, um dieses Bild neu mit Leben zu füllen. Letztlich soll dieses Vorgehen helfen, eine klare inhaltliche Position des Corps zu formen und dadurch die Grundlage einer Relevanz zu etablieren. 

Relevanz erzeugen ist Aufwand 

Corps rühmen sich eine gesellschaftliche Relevanz gehabt zu haben. Aber das ist sehr lange her und kann heute nicht mehr als Ergebnis einer aktuellen Haltung angesehen werden. Vielmehr muss die Relevanz neu definiert werden. Dabei sollte man zwischen verschiedenen Ansätzen unterscheiden: 1. gesellschaftliche Relevanz, 2. universitäre Relevanz, 3. Relevanz für alle Mitglieder und 4. Relevanz für Studenten. Gern werden verschieden Ausrichtungen und Ansätze in einen Topf geworfen und verkannt, dass sie durchaus aufeinander aufbauen. Dabei sei angemerkt, dass Marke und deren Relevanz immer von innen nach außen wächst. D. h., dass der Startpunkt der Überlegungen immer bei den eigenen Mitgliedern anfangen muss. Erst hiernach können und sollten die Studenten als Zielgruppe identifiziert und auch mit Maßnahmen bedacht werden. Derzeit gibt es gelungene Beispiele für jede Art der Relevanz. Ein sehr schönes Beispiel für die Bemühungen eine gesellschaftliche Relevanz zu erzeugen, ist z. B. die Vortragsreihe der Botschaftsgespräche des Corps Rheno-Guestphalia Münster. Für die universitäre Relevanz gibt es unterschiedliche Studienpreise und Stiftungen, die von einzelnen Corps für universitäre Leistungen ausgelobt werden. Auch die Klinggräff Medaille ist ein Ausdruck der Honorierung universitärer Leistungen. Von diesen Maßnahmen erhofft man sich eine positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und letztlich eine Art von Sogwirkung, um Studierende auf sich aufmerksam zu machen. Diese Maßnahmen sind für sich genommen sehr gut, bilden aber keinen holistischen Ansatz. Eine Weiterentwicklung ist daher notwendig, um den gewollten Effekt der Sogwirkung zu steigern.  

Außerdem geht es den meisten Studenten nicht nur um Auszeichnungen, sondern um die Suche nach sich selbst und eine Persönlichkeitsbildung. Und gerade darauf sollte eine Antwort gefunden werden, um jungen Studenten die Wertesysteme der Corps schmackhaft zu machen. 

Die Zielgruppe ist da! Und wo sind die Corps? 

Menschen identifizieren und definieren sich über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, das ist keine neue Erkenntnis. In der heutigen Zeit sind Studenten auf der Suche nach einer Bedeutung und einer Gemeinschaft, die sich klar abgrenzt und dem Mainstream eine Individualität entgegensetzt. Eigentlich eine gute Voraussetzung um die Zielgruppe anzusprechen, sollte man meinen… Weiterhin haben die heutigen Studenten ein größeres Markenbewusstsein, als dies früher der Fall war. Dies hängt mit der Sozialisierung zusammen, aber vor allem mit dem Medienkonsum und der Frage, wie entsteht eine Marke in den Köpfen der Zielgruppe und wie kann diese mit positiven Erlebnissen aufgeladen werden. Diese Mechanik sollten Corps sich zunutze machen und darauf einzahlen, um nachhaltiges Wachstum zu generieren. Auch hier gibt es gute Beispiele, wie z. B. den Instagram Account der Dachverbände. Gut gemacht, allerdings zu kurz gesprungen, da der Inhalt sich stark an die Mitglieder richtet und auch Hashtags (Verweise) nicht richtig verwendet werden. Nichtsdestotrotz ist dies eine gute Entwicklung.

Was müssen Corps tun und was sind die ersten Schritte?

Die Kern-DNA der Corps muss formuliert werden, um sich klar abzugrenzen und sollte auch in einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit zum Tragen kommen. Das ist Aufgabe der Dachverbände und der Gremien. Jedes einzelne Corps hingegen muss eine eigene Addition der Kern-DNA formulieren und diese fortschreiben. Daraus resultiert eine Blaupause für eine zukünftige Haltung. Danach kann diese Haltungsblaupause in unterschiedlichen Relevanzpunkten Anwendung finden.  Die Königsklassen und damit auch die weitreichsten Relevanzen sind, aus meiner Sicht, die gesellschaftliche und universitäre Relevanz, die auch die meisten Ressourcen und ein sehr hohes Maß an Engagement bedürfen. Diese sollten bei dem Start eines „Erneuerungsprojektes“ hintenangestellt werden. Generell gilt, von anderen Corps zu lernen und für sich das bestimmende Element zu finden, um eine zukünftige Ausrichtung zu formen. 

Dies ist nur ein Aufruf und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Artikel soll viel mehr zum Nachdenken anregen und vielleicht ein Umdenken erzeugen. 

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